Text: Katrin Parmentier / ADAC reisemagazin
Fotos: Gregor Lengler / ADAC reisemagazin
Auf 350 Kilometern erzählt der Salzburger Almenweg Geschichten vom Glück und von vollkommener Schönheit. Die Wanderer erleben eine Stille, die es sonst nirgendwo mehr gibt. Und treffen auf alpine Poeten. Hören Sie doch mal rein …
Fotos: Gregor Lengler / ADAC reisemagazin
Bist du fit im Bergwandern? Höhentauglich, austrainiert?“, werde ich vor der Wanderung von der Redaktion gefragt. „Na klar. Ich bin auf Zack!“ Was gelogen ist. Wandern im Frühtau zu Berge - für mich eher eine verschwommene Erinnerung an ferne Tage. War das letzte Mal mit meinen Eltern? 1979? Wie auch immer, in der Zwischenzeit bin ich zu einem glücklichen Faulpelz herangewachsen. Keinen Schritt zu viel. Aber es ist abgemacht: Fünf Tage werde ich einen Abschnitt des 350 Kilometer langen Salzburger Almenwegs erwandern.
Nichts tun als laufen, über das Laufen nachdenken, auf Almhütten übernachten und den Muskelkater hüten. Zum Ende der Saison, wenn kaum noch eine Kuh da oben steht, weil der Herbst hier oft mit zünftigem Schneetreiben beginnt. Erst mal aber brennt die Sonne. Wind summt in meinem Ohr. Knackt und raschelt, zottelt und zurrt. Wenn sich das hohe Gras seinem Willen beugt und er die Wolken immer schneller treibt, mache ich beim Gehen die Augen zu, die Augen auf.

Wir starten oberhalb von Großarl, einst das kinderreichste Dorf Österreichs und heute niedlich wie eine Puppenstube. Aber hier oben am Berg gibt es statt Romantikhotel und Frittatensuppe erst mal nur Kalkfelsen, Geröll und Kiesel. Ich zähle Schritte und Steine. Ich langweile mich, der Rucksack ist schwer. Ich fluche, ich schwitze und langweile mich schon wieder.
Die durchtrainierten Männer an meiner Seite, ein Einheimischer und ein Fotograf aus Hamburg, schwitzen kein bisschen, plaudern lieber über die schöne Landschaft. Am Abend in der ersten Hütte liege ich im Bett, einen versöhnlichen Kaiserschmarren im Bauch, und frage mich trotzdem, wie lang fünf Tage eigentlich sein werden. Das Licht flackert, weil das Wasserkraftwerk hinter dem Haus schwach auf der Brust ist. Es riecht nach Holz und feuchter Erde. Der nächste Morgen aber strahlt, wie das nur Herbsttage können.
Die letzten Gäste der Tappenkarseehütte sitzen im sonnenwarmen Frühstücksraum. Sie schnüren Rucksäcke, die Männergruppe aus Prag, am Abend noch schnapsselig und melancholisch, ist längst los. Fast nicht mehr zu erkennen, nur noch kleine, bunte Menschensprenkel im Heidekraut. Hüttenwirt Hannes, blaue Augen, Schnauzbart und Sonnenfalten, serviert heißen Kaffee und dazu immer neue sagenhafte Geschichten. „An goscherten Hund „nennen sie ihn hier, oder Schmähführer“.
Heißt beides Plaudertasche, mit leichter Tendenz zum Fantastischen. „Vor zwei Wochen hat mein Schwager den Fuchs erschossen. Drüben am Berg. Mei, des war grausig. Des Blut, die Gedärm …“ Außerdem hat Hannes vor Kurzem einen depressiven Kriminalbeamten mit Storys und Enzianschnaps kuriert. Hier auf der Hütte, eine ganze Nacht lang. „Ehrlich wahr. Manchmal bin i a Psychiater.“
Fotos: Gregor Lengler / ADAC reisemagazin
Später am Tappenkarsee, unterhalb seiner Hütte, bringt er uns mit dem Motorboot ans andere Ufer. Die Sonne versteckt sich, ich halte eine Hand ins kalte Wasser.
Wolken verschwinden hinter Gipfeln, komme n wieder, ballen sich und lösen sich auf, vom Bausch zum Bogen. Der Wind, mein ständiger Begleiter, summt. Mir ein Geheimnis ins Ohr? Denn als wir wieder an Land sind, ist mein Schritt plötzlich fester, die Stimmung besser und der Rucksack leichter. Was damit zusammen hän gen könnte, dass Hannes von mir eine Tüte mit Kram zum Aufbewahren bekommen hat. Was braucht man schon wirklich? Ich werde während der ganzen Zeit nichts vermissen. Nur Bücher, aber die muss ich eben selbst schreiben. Im Kopf. Wie leicht das geht, wird mir bald klar. Wir sind jetzt allein, wir sind weg. Gehen schnaufend und schweigend bergauf. Keiner kann uns anrufen. Die Zeit ist fort, da unten im See verloren gegangen. Für uns besteht sie nur noch aus Hell oder Dunkel. Wenn es hell ist, gehen wir. Und wenn es dunkel wird, schlafen wir. Das ist einfach. Einfach schön.
Vom Bootsschuppen schreit ein winziges Männchen noch einmal zu uns herüber: „Macht’s guad!“ Der Schmähführer dreht sich um und geht in die andere Richtung, nach Hause. Lustig war’s mit ihm.

Die Landschaft wird karg und wilder und wickelt einen trotzdem um den Finger. Es müssen an die 1900 Meter sein. Ein Gipfelkreuz, ein Stück bergab, bis wir ein Meer aus abgeblühten Almrosen durchqueren und das Spektakel beginnt. Szenerien wechseln, als wären Kulissenschieber am Werk.
Gerade noch sahen wir Winnetou und Apanatschi durch die Sechzigerjahre reiten, nun säumen die Highlands, ein paar Schweizer Kletterfelsen und schließlich Tannen, ausladende Kiefern und Lärchen unseren Weg.
Es ist ein Märchenwald, in dem der Tanzbodenkönig und der fette Ezechiel ihr Herz aus Stein begraben haben. Es passt, dass hier eine Märchenerzählerin lebt. Andrea Seer lässt „Das kalte Herz“ und „Rübezahl“ auferstehen. Sie begleitet Wanderer mit den Gebrüdern Grimm, mit Hauff, Natursagen und ihrem Flötenspiel. Wenn die Melodien zart wie Gaze durch die Luft schweben, hört man das Flüstern, überall: „Schatzhauser im grünen Tannenwald, bist schon viele hundert Jahre alt. Dein ist all Land, wo Tannen stehn, lässt dich nur Sonntagskindern sehn.“ Durch Birkenhaine und dichtes Moos schiebt sich die Filzmoosalm ins Bild, ganz schwarz und schief, karierte Vorhänge in den Fenstern, davor Kinder, die Preiselbeeren zupfen. „Beeren brock’n“ sagen sie dazu. Drinnen riecht es nach Rindenmulch, Feuer und Speck. Draußen warten derbe Holztische. Die Tracht aus Leinen und rotem Tuch ist Pflicht für alle, die hier arbeiten. Dirndl oder Lederhosen, das junge Liebespaar aus Sonntagshüter Matthias und Sennerin Steffi trägt sie genauso selbstverständlich wie Wirtin Christel.

Matthias, ein fescher Blonder, schnitzt an seinem Haselnussholzstock, den hier jeder einheimische Wanderer benutzt. Nordic Walking? Nie gehört. Christel tischt derweil Graukas auf, eine KäseSpezialität, Brot und Kuchen. Es ist die Zeit der letzten Beeren, sie werden zu allerhand Süßem verbacken und eingekocht. Nur die Vogelbeere, leuchtend rot und gar nicht so giftig wie ihr Ruf, wird zu edlem Schnaps vergoren. „Der beste Obstbrand überhaupt.“ Sagt jeder, der ihn probiert hat. 120 Hütten liegen am Salzburger Almenweg. Und zu den subjektiv schönsten gehören die Maurachalm, die Weißalm und eben die Filzmoosalm, wo Christel nun schon im 24. Sommer ihren Kas anrührt und Süßrahm buttert. Neun Kühe hat sie gestern mit der Sennerin geschmückt und ins Tal gebracht. Jetzt räumen die beiden das Geschirr ab, die Nachmittagssonne taucht ihre Haare, die Blusen und derben Lederschuhe in milchiges Licht. Jetzt ein bisschen dösen, ein Nickerchen …
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