Text: Tobias Moorstedt / ADAC reisemagazin
Fotos: Mirco Taliercio / ADAC reisemagazin
Es gibt ein Land, in dem Träume wahr werden. Viele Hütten sind dort zu finden. Mit Holz davor und so urig wie aus der Werbebroschüre. Kärnten heißt das Land. Und wir haben dort eine der Hütten gemietet Wir stellen das Auto auf dem Parkplatz ab, laden Sportgeräte, Schlafsäcke und Proviantkisten aus und machen uns daran, alles in unsere Hütte zu tragen. Ein Trampelpfad führt durch den Schnee zum Almhaus Traudi. Alex und Daniela gehen voraus. Sie haben für den Aufstieg Bergschuhe angezogen. Gute Idee. Ich trage Sneakers, rutsche und falle in den Schnee, spüre die Eiskristalle und den kalten Atem der Berge auf meiner Haut. Endlich Urlaub! Der erste Morgen. Alex weckt mich kurz nach acht Uhr. Ich habe lang und tief geschlafen. Lag es an der klaren Gebirgsluft, an der fast unwirklichen Ruhe? „Es schneit“, sagt Daniela, „Sicht gleich null.“ Normalerweise wäre das betrüblich für einen leidenschaftlichen Skifahrer wie mich. Doch ich spüre die ersten Konsequenzen des Hüttenurlaubs: Lässigkeit. Ich bin tiefenentspannt. Wir müssen das Glück nicht jagen. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. „Weckt mich nicht!“ Schließlich sind wir auf der Hütte, um auch das Hüttenleben auszukosten. Und das tun wir.
Fotos: Mirco Taliercio / ADAC reisemagazin
Am nächsten Tag ist der meteorologische Hausarrest beendet. Vom Balkon aus sehen wir den Gartnerkofel, der im Westen mehr als 2000 Meter aufragt. Der höchste Skilift im Nassfeld führt auf 2020 Meter. Die Region gilt als sehr schneesicher, da zwei Hochtalkessel die feuchte Luft des Adria-Tiefs fangen. Im Rekordwinter 2009, erzählt der Kassierer am Lift, seien 15 Meter Schnee gefallen. Zum Beweis zeigt er uns Fotos auf seinem Mobiltelefon. Dort steht er neben einer vier Meter hohen Schneewand, die „ned vom Pflug aufg’schütt woar“, wie er betont. Zum Tagesfinale fahren wir die Carnia-Talabfahrt von 1822 Metern bis nach Tröpolach (610 Meter), auf der sich Steilhänge und Gleitstrecken harmonisch ergänzen. Mehr als acht Kilometer und 1200 Höhenmeter. Daniela beschreibt es so: „Ich fühle mich wie nach einem Fallschirmsprung.“ Als wir schließlich um 16 Uhr an unserer Hütte abschwingen, leuchten die Lichter im Haus gelb und warm wie in einem Werbespot für Kräuterlikör.

Bei einem Hüttenurlaub hat fast jedes Gruppenmitglied eine Aufgabe. Da ist Thomas, der Guide, der alle Karten, Wetterberichte und Öffnungszeiten kennt. Oder Sonja, die mit ihrem Lächeln die Herzen der wildesten Alpenbewohner erobert. Und Dietrich, der Alpin-Smutje, der dafür sorgt, dass ein dampfender Suppentopf auf dem Tisch steht, wenn wir am frühen Abend zurückkommen: Graupen, Kürbis, Pfannkuchen. Wie die anderen Ski-Verweigerer in unserer Gruppe genießt er den weiten Blick, die leere Zeit und die klare Luft sowie die Tatsache, dass kein Mobilfunknetz die dicken Wände unserer Hütte durchdringt. Die Abende sind von einer hypnotischen Regelmäßigkeit. Duschen Essen. Trinken. Plaudern. Trinken. Lesen. Trinken. Schlafen. Während ich meine Freunde in der Stadt nur hin und wieder sehe, erlebe ich sie beim Hüttenurlaub in einem ruhigeren, friedlicheren Gemütszustand zwischen Tiefschnee-Trance und Wellness-Winterschlaf. Der Innenraum der Hütte hat viel mit einer Höhle gemein. Der raue Steinboden zum Beispiel oder die Holzbalken, die im Lauf der Zeit fast schwarz geworden sind. An der Wand hängt ein Steinbock-Gehörn, daneben Silberteller, Holzschnitte und ein schwerer Schlüssel aus Metall. Wie aus dem Bilderbuch. Und trotzdem echt.
Der Hüttenurlaub ist ein Abstecher in ein vordigitales Zeitalter: keine E-Mails, SMS oder Fernsehnachrichten. Und anstatt mit einem HD-Beamer eine DVD zu gucken, spielen wir lieber jeden Tag ein paar Partien Mensch ärgere dich nicht!. Auf dem Kamin liegt ein großer Bücherstapel: Stieg Larsson, John Updike, Reinhold Messner. Es gibt noch viel zu tun. Der Feuerschein wird von der schrägen Holzdecke reflektiert und wirft ein warmes Licht in den ganzen Raum. So sieht es also aus, das vollkommene Glück.
Am dritten Tag sind die Adria-Wolken vollkommen Richtung Norden gezogen. Schnee haben sie uns dagelassen. Wir stehen auf der Madritsche, einem 1919 Meter hohen Plateau, dem Drehkreuz des Skigebiets. Die sanft geschwungenen Berge wirken mit dem dichten Baumbewuchs und den kleinen Bachtälern wie die Komposition eines Golfplatz-Architekten: naturbelassen und trotzdem Teil des Event-Zeitalters. Auf dem Madritschen gibt es sogar einen Turbo-Skiservice, eine Art Waschstraße für Skier. Während nebenan bester Kaffee serviert wird, schleift die Maschine in fünf Minuten die Kanten und wachst den Belag.
Fotos: Mirco Taliercio / ADAC reisemagazin
Man kann sich der Moderne aber auch entziehen. Wir steigen in den Sessellift zur Troghöhe (2020 Meter). Und während sich die Masse der Fahrer die Schnittlauchkofel-Abfahrt hinunterstürzt, um auf einer Anzeige am Pistenrand neue Tempo-Rekorde abzulesen (75 km/h sind bei der Neigung kein Problem), bleiben wir auf dem Gipfel stehen, genießen die Aussicht auf den scharfkantigen Gipfel des Trogkofels (2280 Meter) und steigen links in die Variante durch das Trogtal ein. Manchmal ist es aufregender, langsam zu sein. Auf dem Heimweg treffen wir unseren Nachbarn, Herrn Innauer, der hier seit 50 Jahren eine Hütte besitzt. Er ist einer der wenigen Ureinwohner der Sonnenalpe und erinnert sich gut an die Zeit, als keine Straße hier hochführte und es auch keinen Supermarkt gab, der uns mit Penne, Gemüse und Kärntner Bier versorgt. Innauer entwarf früher als Ingenieur Brücken und Tunnel, half also, die Berge von einer lebensfeindlichen Umgebung zum Naherholungsgebiet zu machen. Jetzt scheint er, der die Ruhe und Einsamkeit liebt, das manchmal zu bedauern. So sympathisiert er mit unserer Art des Wintersporturlaubs, bei der wir ganz freiwillig auf Rummel und Komfort verzichten. Zum Abschied gibt Innauer uns noch einen Tipp: Nur wenige Kilometer entfernt liegt das Lesachtal, das im Tourismus-Kosmos als das „naturbelassenste Tal“ gilt. Ein Abstecher auf Tourenskiern oder Schneeschuhtouren in das 1000 Meter hoch gelegene Tal ist eine Reise in ein Land vor unserer Zeit.
Fotos: Mirco Taliercio / ADAC reisemagazin
Wir leihen uns Schneeschuhe aus, lassen den Sechser-Sessellift mehr oder weniger schweren Herzens rechts liegen und gehen am Fuß des Madritschenkopfes entlang. Das Surren der Liftkabel, die Schreie der Menschen, das Schaben der Carving-Skier über den harten Untergrund verschwinden nach wenigen Minuten, und wir hören: nichts! Schneeschuhwandern ist Wintersport für Zen-Buddhisten, hier geht es nicht um den Weg von A nach B, den Aufstieg auf einen bestimmten Sattel, um eine bestimmte Rinne abfahren zu können, oder einen neuen Geschwindigkeitsrekord. Nein, hier ist tatsächlich der Weg das Ziel. Wie Trapper oder Fährtenleser schleichen wir durch den verschneiten Wald.

Nach zwei Stunden ruft Thomas plötzlich: „Jetzt sind wir in Italien!“ Er orientiert sich an der Karte, denn in der tief verschneiten Landschaft ist keine Grenze zu erkennen. Der Weg zurück ist dann weniger beschaulich: Auf überdimensionalen Yeti-Sohlen sausen wir den Hang hinunter. Die Schneeschuhe werden zu Siebenmeilenstiefeln. Wer hätte das gedacht: Schneeschuhwandern ist auch Action-Sport! Am letzten Tag sind die Vorräte aufgebraucht, das Holz ist verheizt. Dietrich hat eh keine Lust auf Kochen, dafür eine edle Idee: Zehn Minuten von unserer Einsiedler-Hütte entfernt gibt es im Hotel Wulfenia ein Sterne-Restaurant. „Da gehen wir hin“, bestimmt der Gruppengourmet, ihr könntet euch eh mal wieder ordentlich frisieren.“ Das Restaurant Arnold Pucher ist das höchstgelegene Zwei-Sterne-Restaurant in Österreich. Da will man schließlich nicht unangenehm auffallen. Das Pucher ist nach sechs Tagen Hüttenleben ein Kulturschock. Die Olivenöle haben Namen wie Terre di Balbia (Jahrgang: 2007), und die Kellner sind per Funk mit der Küche verbunden. Was für ein Kontrast zu unserer lieb gewonnenen Hütte. Dort sitzen wir später, gehüllt in dicke Decken, auf der Terrasse, trinken ein Abschiedsbier. Der Schaum gefriert am Flaschenhals. Der Himmel ist jetzt ganz klar. Im Westen leuchten fünf Sterne wie Scheinwerfer. Und ich habe die Befürchtung, dass ich fürs Hotelleben für alle Zeit verdorben bin.
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