Text: Verena Haart / ADAC reisemagazin
Fotos: Egbert Krupp / ADAC reisemagazin
Barcelona brilliert in den unterschiedlichsten Rollen. Mal ehrwürdig und leise, mal ausgeflippt und laut. Ein Streifzug durch die katalanische Hauptstadt.
Es war ihre bislang größte Rolle: An der Seite von Scarlett Johansson und Rebecca Hall spielte Barcelona die dritte Hauptfigur in Woody Allens Film „Vicky Cristina Barcelona“. Der Kultregisseur hatte den Part der katalanischen Schönheit 2008 auf den Leib geschrieben. Eine Liebeserklärung an die Stadt, wie der 73-jährige Allen betont. Im Film kommen die beiden jungen Amerikanerinnen Cristina und Vicky für einen Sommer nach Barcelona, entdecken die Stadt und nach zahlreichen romantisch-erotischen Irrungen auch sich selbst. Sie trinken Rotwein im Restaurant Els Quatre Gats, wo einst Pablo Picasso eine seiner ersten Ausstellungen hatte. Sie bewundern die Werke von Architekt Antoni Gaudí, amüsieren sich im Vergnügungspark auf dem Berg Tibidabo und besuchen das Museum Fundació Joan Miró. Kein Postkartenmotiv, das Woody Allen nicht gefilmt hätte. Nach 90 Minuten hat der Zuschauer die schillerndsten Ecken der Stadt gesehen.
Doch da sind nicht nur die Bilder, da ist auch dieses Lied, das den Film wie ein Rahmen umschließt und das der Zuschauer, längst nachdem der Abspann vorbei ist, vor sich hin summt. „Barcelona és poderosa“ (Barcelona ist mächtig), haucht eine Stimme immer wieder zu den Flamenco-Rhythmen der Gitarre.
Fotos: Egbert Krupp / ADAC reisemagazin
Die Stimme gehört Giulia Tellarini. Eine junge Frau um die 30 mit großen, traurigen Augen und kurz geschorenen Haaren. Die Frisur lässt ihre Gesichtszüge noch feiner erscheinen. Giulia ist Sängerin und Kopf von Giulia y los Tellarini, einer multikulturellen, achtköpfigen Band. Ihre Musik: eine Mischung aus Folk, französischen Chansons, Tango und Jazz. Das Lied „Barcelona“ machte die Band bekannt. Ihr Barcelona wird uns Giulia heute zeigen: „Eine Stadt, in der man sich verlieren kann, ohne zu finden“, heißt es im Songtext.

Wir treffen die Sängerin am vollsten Ort der Stadt, der Rambla, direkt im Zentrum. Rambla – allein das Wort, das eigentlich „trockenes Flussbett“ bedeutet, klingt schon nach Radau und Rambazamba. Und genau diese Stimmung herrscht auf Barcelonas bekanntestem Boulevard, der sich von der Plaça de Catalunya bis zur Kolumbus-Statue am Hafen erstreckt. Straßenkünstler, Kleintierhändler, Blumenverkäufer, Taschendiebe und Touristengruppen lassen sich im Strom der Spaziergänger treiben. „In die Straßencafés hier würde ich mich nie setzen. Das ist reine Abzocke“, sagt Giulia, „mit einer Ausnahme, dem Cafè de l’Òpera. Da kann man noch in Ruhe einen Cafè amb Llet (Milchkaffee) trinken und sogar echten Barcelonern begegnen.“
Sonst ist die Altstadt fest in der Hand der Touristen. Von Jahr zu Jahr kommen mehr. 1995 waren es gerade mal 1,7 Millionen Besucher. Heute sind es mehr als dreimal so viele. Knapp 6,7 Millionen Urlauber fielen allein 2008 in die Hauptstadt Kataloniens ein. „Fremde Gesichter wandeln durch die Straße“, singt Giulia im Song „Barcelona“.
Von der Rambla sind es nur ein paar Schritte bis ins Gotische Viertel, dem Barri Gòtic. Mit seinen engen und schattigen Gassen ist es ein einziges Freilichtmuseum, für das die Stadtverwaltung Eintritt verlangen könnte. Mitten im Meer der verwinkelten Sträßchen liegt wie eine Insel die Plaça Sant Jaume, erbaut auf den Ruinen des römischen Forums. Auch heute noch ist dieser Platz politisches und gesellschaftliches Zentrum der Stadt. „Hier demonstrieren Nationalisten jedes Jahr am 11. September, dem Nationalfeiertag Kataloniens, für die Unabhängigkeit von Spanien“, erzählt Giulia.
In der unscheinbaren Seitengasse Carrer del Paradís, unweit des Platzes, führt uns Giulia in den Patio eines gotischen Wohnhauses. Plötzlich stehen wir vor den Überresten des römischen Augustus-Tempels. Zehn Meter ragen drei korinthische Säulen in die Höhe. Schweigend betrachten wir sie und genießen die Ruhe. Das kleine Schild mit der Aufschrift „Columnes Romanes“ an der Eingangstür scheinen viele Touristen zu übersehen.
Fotos: Egbert Krupp / ADAC reisemagazin
Unübersehbar sind hingegen die Tapas-Bars, die es in Barcelona an jeder Ecke gibt. Auf der langen Holztheke in der Bar Sagardi Euskal stehen Platten mit Iberischem Schinken, Quiche vom Kabeljau oder Kroketten mit Gambasfüllung. „Euskal bedeutet einfach ,baskisch‘. Und die baskische Küche ist die beste Spaniens“, erklärt Giulia und legt sich eines der aufgespießten Häppchen auf den Teller. Abgerechnet wird zum Schluss. Der Gast bezahlt pro Zahnstocher, der auf seinem Teller übrig bleibt. Zu spießig nehmen das die Hungrigen allerdings nicht, denn das ein oder andere Holzstäbchen fällt schon mal ungezählt auf den dunklen Holzboden.
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